Wesergebirgsläufer
Neuauflage 2024

Wie verrückt ist das ?

 

Als wenn man sonst nichts zu tuen hat. Da werde ich doch mal testen, wie es ist, wenn man an drei Tagen hintereinander jeden Tag drei Runden mit mindestens 22 km läuft. Das wird ein gutes Trainingsprogramm für die mentale Fitness sein.


11.12.2005
Um 6:00 Uhr trieb es mich auf die Strecke. Die 22 Km Runde wollte ich vor dem Frühstück schon einmal ablaufen. Aber es fiel mir verdammt schwer, die Beine waren schwer wie Blei und es wollte nicht rund laufen. Ich erinnerte mich an Ulis Worte: „Lauf im 7-8 Minuten Tempo, dann kommst Du gut über die Runden“.
Aber in der Dunkelheit wurden die Kilometer durch das langsame Tempo doch ganz schön lang. Ein Rebhuhn, das plötzlich neben mir mit dem fürchterlichen Geräuschen aufstieg, brachte meinen Puls dann richtig auf Touren.
Kalt und nebelig war es dazu, eigentlich beste Voraussetzung, im Bett zu bleiben. Aber nein, ich will es ja nicht anders.
Nach 2:32 Stunden bin ich wieder zu Hause und komme noch pünktlich zum Frühschoppen beim Bäcker, wo mein spezieller Salatteller schon auf mich wartet.
Um 11:40 sind Bonnie und ich dann zur nächsten Runde gestartet. Bonnie legte gleich wieder Tempo vor, so das ich sie immer wieder ausbremsen musste. Mir war nämlich gar nicht nach Tempolauf zumute. Trotzdem wurde es heute die schönste Runde. 2:23 Std. brauchten wir dafür.
Gegen 16:30 brach ich dann zur dritten Runde auf. Nieselregen und auffrischender Wind waren nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen Lauf durch die Dunkelheit. Bonnie blieb zu Hause, so dass ich dann alleine diese Runde laufen musste.
Besonders besch…. Ist es, wenn man so langsam läuft, dann kann man auf dem geschotterten Streckenabschnitt keinen Ultraschlappschritt laufen, da man dann sehr schnell über Ecken und Kanten stolpert. Da war ich dann immer richtig froh, wenn ich wieder Asphalt unter den Füßen hatte.
Ausgerechnet jetzt verabschiedet sich auch noch die Puls Uhr. Akku leer. Egal, laufe ich eben eine Zeit lang ohne Puls Uhr. Ich werde sie morgen gleich einschicken. Ob die dann von Polar vor Weihnachten wieder da ist? Glaub ich kaum.
Als ich dann zu Hause eintrudele, da hab ich fast auf die Minute genau die gleiche Zeit wie heute Morgen gelaufen. 2:31 Std. sind es geworden, gestoppt von Ulrike, die immer aufpasst, wann ich starte und wann ich wiederkomme.


12.12.2005
Da ich heute Morgen erst noch einmal zur Arbeit musste, startete ich zur ersten Runde erst um 10:30 Uhr. Das brachte meinen Zeitplan doch schön durcheinander.
Aber mit Bonnie an der Seite liefen wir diese Runde in 2:25 Std.
Zur zweiten Runde startete ich dann alleine um 13:50 Uhr. Bonnie hatte sich schön satt gefressen und schlummerte in ihrer Ecke. Woher sollte sie auch ahnen, dass ich schon wieder laufen wollte. Also ließ ich sie ruhig schlafen und schlich mich heimlich aus dem Haus.
Als ich das Dorf verließ, ertönte von Ferne der Sirenenalarm eines Rettungswagens. Mir sträubten sich die Nackenhaare, denn zu oft ist er in letzter Zeit auch bei uns gewesen.
Zuletzt am 05.12.2005 in unserem Kindergarten, als unser Enkel Phil für eine halbe Stunde nicht ansprechbar war, und die Erzieherinnen uns und den Notarzt benachrichtigten.
Warum Phil so tief weggetreten war, konnte auch eine genaue Untersuchung nicht klären.
So kamen mir gleich wieder die schlimmsten Gedanken. Auch der Gedanke an meine schwerkranke Schwester beschäftigte mich sofort wieder.
So wurde diese Runde vom Thema Gesundheit geprägt.
Nach 2:31 Stunden nahm auch dieser Lauf ein Ende.
Als ich dann zu Hause ankam, erfuhr ich sofort, dass meine Schwester diejenige war, die mit dem Notarztwagen ins Klinikum gebracht wurde.
Eine schwere Hypothek für den nächsten Lauf.
Ich kann nichts helfen. Wir müssen es tragen, wie es kommt. So war die Gesundheit meiner Schwester für mich das Thema dieser Runde. Ich betete viel für Sie und all die schönen Erinnerungen an vergangene Zeiten kamen mir vor die Augen.
Es bedrückt mich doch sehr, dass ich hier so wild rumrenne, während Sie kaum einen Schritt alleine gehen kann. Eine heimtückische Herzkrankheit hat sie geschwächt, Ihr alle Kraft geraubt. Was würde ich geben, wenn ich Ihr von meiner Herzkraft, die ich gerade heute wieder deutlich spürte, etwas abgeben könnte. „Ach Ille, wenn ich Dir nur helfen könnte“.
Bonnie merkt von meinen schweren Gedanken nichts. Sie freut sich immer wieder, wenn sie Enten ins Wasser jagen kann. Ihr größtes Hobby.
Da wir heute Abend nicht den direkten Weg zum Kanal genommen haben, denn sonst hätten wir wieder über die bürgersteiglose Rennpiste laufen müssen, und dann noch eine Dorfrunde einlegten, kamen wir mit dieser Runde auf deutlich über 24 km, die wir in 2:42 Std. schafften.
Ich bin erstaunt, wie gleichmäßig ich bisher doch all die Runden gelaufen habe. Auch, dass ich keine körperlichen Beschwerden verspüre, freut mich besonders.
Schwer ist es aber immer wieder, sich zur nächsten Runde aufzuraffen. Aber nach einen Kilometer ist man wieder voll dabei.


13.12.2005
Der dritte und entscheidende Tag heute. Schaffe ich es, auch heute wieder mindestens 66 km zu laufen? Beim Start sind die Beine noch etwas schwer, aber schon nach wenigen Kilometern hab ich den gewohnten Schlappschritt wieder drauf.
Bisher hab ich keinen Muskelkater, keine Schmerzen an Sehnen, Bändern oder Gelenken. Keine wund gescheuerten Stellen, alles ist im grünen Bereich.
Bonnie hab ich noch nicht dabei und während dieser Runde beschließe ich, die zweite direkt ran zu hängen. Keine große Pause, nur den Wasservorrat nachfüllen und dann weiter.
Ideales Laufwetter herrscht heute Vormittag und nach 2:32 Std. ist die erste Runde vorbei.
Die Getränkeblase auffüllen und weiter. Die Laufbekleidung wird auch nicht gewechselt, einfach wieder weiter.
Auf der zweiten Runde begleitet mich nur mein Heimatsender NDR 1 und stimmt mich mit einer schönen Melodienfolge alter Weihnachtslieder auf die Weihnachtszeit ein. So wird mir wenigstens nicht so langweilig.
Diese Runde bin ich sogar noch drei Minuten schneller als auf der ersten Runde. Das erfreut mich doch mächtig. Dieses Tempo so um 7:00 Minuten pro Kilometer scheint mir auf den langen Strecken gut zu liegen.
Zur dritten Runde nehme ich Bonnie mit. Sie ist ganz aus dem Häuschen, vor Freude, dass sie nun auch noch laufen darf. Als lockeren Ausklang betrachte ich diese Runde. Kein Stress mehr, nur locker laufen. Bonnie genießt diese Runde mit viel Schwimmen und Enten jagen. Ich habe mir einen dicken Apfel mitgenommen, den ich nun unterwegs verputze. Da hatte ich schon in der zweiten Runde so richtig Biss drauf. Und selten schmeckte mir ein Apfel so gut wie heute Abend.
Während gestern noch der fast volle Mond am Himmel stand und uns freundlich den Weg wies, so ist er heute durch die dicke Wolkendecke kaum zu sehen. Aber die Stirnlampe vertritt ihn würdig. Weil wir auch heute wieder den längeren und in der Dunkelheit weitaus sicheren Weg zum Kanal wählten, wurde diese Runde dann auch wieder 24 km lang. Wir ließen uns dafür 3:12 Std. Zeit und ich betrachtete es als die Auslaufrunde.


Es waren drei harte Tage, das will ich nicht abstreiten. In 23:20 Std. reiner Laufzeit hab ich 202 Kilometer gelaufen. Ich bin davon nicht kaputt, mancher 22 km Tempolauf zehrt da durchaus mehr. Körperlich fehlt mir nichts, außer das ich wieder zwei blaue Zehnägel habe. Mental bin ich schon etwas müde. Sich täglich für drei Runden á 22 km zu motivieren, das erfordert einen starken Willen und da ich das geschafft habe, können nun neue Aufgaben kommen. Mit den letzten drei Tagen im Rücken, da kann mich nichts mehr aus der Ruhe bringen.