Warum laufen ?

 

 Das Schicksal schlägt zu........


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Ein Tag, der alles veränderte - 26.10.1983


Der Morgen begann wie jeder andere. Ich verabschiedete mich von meiner Frau und meinen beiden Kindern – Christian (5) und Marina (4). Als Klempner und Installateur sollte ich an diesem Tag Dachrinnen an einem Altbau erneuern. Eine Arbeit, die ich eigentlich gerne machte.


Gegen 9 Uhr fuhr unser Postbote vorbei und grüßte freundlich. Ich freute mich, ihn trotz seiner schweren Krankheit so fröhlich zu sehen. Das war der letzte Moment, an den ich mich erinnern kann.


Die nagelneue Ausziehleiter mochte mich wohl nicht. Ich stürzte aus sieben Metern Höhe in die Tiefe, direkt auf eine Betonplatte, auf der vorher noch eine Blume stand. Keiner weiß, warum.
Drei Tage später wachte ich im Krankenhaus auf – verwirrt, zerbrochen, verändert.


Schwere Verletzungen – und ein langer Weg zurück

Kopfverletzungen, zahlreiche gebrochene Rippen, Schulter kaputt, innere Verletzungen an Magen und Nieren. Kurz vor Weihnachten durfte ich als Heimschläfer nach Hause – unter der Bedingung, jeden Morgen um 8 Uhr zur Therapie zu erscheinen:


  • Thermalbad
  • Krankengymnastik
  • Ergotherapie bis 15 Uhr

Dort lernte ich mühsam wieder zu lesen, zu schreiben und mich zu konzentrieren. Mein Namensgedächtnis ist bis heute schlecht – seht es mir nach.


Depressionen, Gewichtszunahme, keine Arbeit – ich verlor mich selbst


Ich wurde immer dicker, fühlte mich miserabel, fiel in Depressionen. Ich wollte arbeiten, durfte aber nicht. Meine Familie litt mehr unter mir als ich selbst.


Handball – der erste Schritt zurück ins Leben


Freunde nahmen mich mit zu GWD. Sie überredeten mich, im Fanclub mitzuspielen. Das gab mir wieder etwas Halt.
Doch mein Gewicht blieb ein Problem. Ein Foto von mir auf einem Saisonplakat traf mich hart – ich fand mich „fürchterlich dick und doof“.


Michael Kräutchen (Nr. 3), und Georg Hombach, (Nr. 10), zwei Freunde, mit denen ich (Nr. 9) viel im GWD-Fanclub zusammen war, nahmen mich mit. Sie überredeten mich dann auch glücklicherweise, selber im Fanclub mitzuspielen. Dadurch bekam ich doch wieder etwas Oberwasser.


Meine sportlichen Leistungen wurden langsam aber stetig besser. Nur das Gewicht, das wollte nicht runter.
Zu allen Überfluss hatte man mich noch fotografiert, als ich bei einem Heimspiel auf einem Geländer abgestützt unsere Mannschaft anfeuerte. An sich nicht schlimm. Aber das Bild wurde auf jedes Plakat der neuen Saison gedruckt und ich fand mich da fürchterlich dick und doof.


Das Lauflehrbuch – der Wendepunkt

Zu meinem Geburtstag im April schenkte mir mein Bruder dann von Dr. Ernst van Aaken das  „Lauflehrbuch“.

Ein Buch in dem ausgiebig beschrieben wurde, wie man mit Ausdauersport den Weg aus tiefer Krankheit rausfinden kann. 

Ich verschlang es. Da wusste ich: Das ist mein Weg.

Ich begann zu laufen – langsam, sehr langsam. Nach wenigen Tagen waren meine Knöchel so dick, dass kein Schuh mehr passte. Also lief ich in Schlappen.

200–250 Meter, dann 20 Minuten Pause. Die Rippen schmerzten, der Halswirbel, die Nieren. Aber ich gab nicht auf.

Ich wollte nicht gesehen werden


103 Kilo, kaputte Knochen – ich lief auf abgelegenen Wegen. Doch es wurde besser: Die Knöchel schwollen weniger, die Schmerzen ließen nach.


Der Sportplatz – und die Jugendlichen

Irgendwann wollte ich wissen, wie weit ich am Stück laufen konnte. Es gab noch kein GPS, da war der Sportplatz der Ort, an dem ich meine Strecke messen konnte. Jede Runde gleich 400 Meter.


Auf dem Sportplatz saßen Jugendliche, rauchten, und tranken Bier. Sie lachten mich aus.
„Na, Dickerchen, einen Kilometer laufen, das schaffst du ja doch nicht.“


Ich wurde wütend. Ich lief weiter. Bei der zweiten Runde pumpte ich Sauerstoff wie verrückt. Bei der dritten Runde wurde es hart. Doch als ich wieder an ihnen vorbeikam, klatschten sie. Sie feuerten mich an.


Ich war platt – aber glücklich. Zum ersten Mal war ich über 1 km gelaufen. Dafür hatte ich fast ein Jahr trainiert.

Der Körper erwachte – und ich auch

  • Von da an ging es voran:
  • Strecken wurden länger
  • Schmerzen verschwanden
  • Nieren arbeiteten wieder
  • Gedächtnis wurde besser

Die Ärzte konnten es kaum glauben. Ich glaube: Es war das Laufen.
Nach fast zwei Jahren Krankheit kehrte ich ins Berufsleben zurück.


Bis heute

Die Jugendlichen von damals sind heute Familienväter. Wenn wir uns auf dem Sportplatz treffen, laufen wir manchmal ein paar Runden zusammen. Bis zu meiner letzten Runde hat aber noch keiner mitgehalten.



Meine Laufeinstellung
Langsam.
Lange Strecken.

  • Tempoläufe nur, wenn das Herz es will.
  • Bei Volksläufen auch mal schneller – bis Halbmarathon.

Laufen hat mich zurück ins Leben geholt

Und ich möchte es mein Leben lang genießen.


Danke an den da oben, dass ich wieder hergestellt wurde. Danke an meine Frau Ulrike und die Kinder, die immer zu mir gehalten haben – und mich, wenn nötig, in den Hintern getreten haben. Und dass sie mich heute immer noch laufen lassen.

 Wie ich mich zurück ins Leben arbeitete.